"Hörst du nicht die Glocken?"

Prof. Dr. Hans Schnieders regt in seinem Vortrag zum differenzierten Glockenläuten an.

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-Eine akustische „Zeitreise“ durch sechs Jahrhunderte beim diözesanem Mesnertag in Rottenburg am Neckar.

 von Karol Ronge

Am 1. Dezember startete eine ökumenische Kampagne, die sich zum Ziel gesetzt hat, an die religiöse und kulturelle Bedeutung der Kirchenglocken, besonders des Glockenläutens zu erinnern.

Herr Prof. Dr. Hans Schnieders, Glockensachverständiger unserer Diözese ließ sich als Referent mit einem Vortrag "Klang-Farben-Liturgie", für den Mesnertag in der Bischofstadt Rottenburg am Neckar gewinnen.

Im dem Handbuch, der mir zum Beginn meiner beruflicher Laufbahn im Mesnerdienst, vor elf Jahren, von meinem Pfarrer überreicht wurde, fand ich im Kapitel „Sakristei“ zum Thema Glockengeläut gerade mal zehn Zeilen. Etwas ausführlicher fiel der Text aus, den die Autorin im Kapitel „Technische Anlagen“, zwischen den zwei Abschnitten: „Lautsprecheranlage“ und „ Liedanzeiger“ untergebracht hat. Obwohl sie an dieser Stelle einige Vorschläge zum Einsatz der Glocken dem Leser unterbreitet, hat ihr Textbeitrag den Charakter einer Betriebsanleitung. Diese wurde noch an vielen weiteren Stellen im Buch, um den Hinweis; man möge „Die Glocken entsprechend dem örtlichem Brauch läuten“ lassen, ergänzt.

Was ist unter diese Hinweis zu verstehen? In „meiner“ Sakristei lange Zeit klebte an der Innenseite der Klappe am Bedienpaneel für die Glocken, ein gelbbrauner, löschpapierartiger Zettel, von vermutlich inzwischen antiquarischen Wert. Darauf mit einer Schreibmaschine getippt, Glockennummern und Läutedauer in Minuten, für Gottesdienst- und Andachtszeiten an die sich nur noch Wenige der Kirchenbesucher erinnern konnten.

Selbst der Titel des Mesner Handbuches könnte zu der Annahme verleiten, dass Glockenläuten eine nachrangige Handlung mit einer Signal-Funktion ist, ähnlich einem Martinshorn, oder einer Sirene im Zivilschutz; wichtig, aber eigentlich ohne weitere ästhetischer Aspekte.
Daher empfand ich die Empfehlungen Prof. Dr. Schnieders, die er den beim Mesnertag Anwesenden unterbreitet hat, als inspirierend und sehr hilfreich für meinem Dienstalltag.

In unserer Zeit, in der Glaube von vielen als eine Art kulturelle Erscheinung gesehen wird, und die Zahl derer, für die Glaube eine Wichtigkeit hat schwindet, wird Glockengeläut immer wieder als laut und nervig empfunden. (Aktuell hat eine meiner benachbarten Kirchen einen regen Briefwechsel diesbezüglich).
An dieser Stelle ist der Mesner gefragt, die Empfehlungen Prof. Schnieders umzusetzen. Ich gebe zu, die mehr als sechs vollgedruckte Seiten mögen etwas abschreckend wirken, doch der visuelle Eindruck täuscht. Der Text ist sehr verständlich verfasst, liest sich wie in einem Atemzug. Er erörtert viele mögliche Einsatzvarianten der Glocken, liefert liturgischen Hintergrund und je nach Ausstattung des eigenes Glockenstuhls, etliche Optionen zu sofortiger Anwendung.
Neben dem positivem Nebeneffekt der Materialschonung und der geringerer Beanspruchung der Statik des Glockenturmes beim differenzierten Glockenläuten, bekam ich nach kürzester Zeit positive Rückmeldungen von den Gottesdienstbesucher. Sogar ein Nachbar, den ich noch nie in der Kirche gesehen habe, sprach mich auf das „neuartige“ Geläut an und erzählte, dass er jetzt gespannt darauf achtet, wie das Geläut nun heute klingt.

Gerade die Teilnehmer des rottenburger Mesnertages konnten im Anschluss an den offiziellen Teil einem akustischen Ausnahmeereignis beiwohnen. Speziell aus diesem Anlass durfte das gesamte historische, aus sechs Jahrhunderten stammende Glocken-Inventar der rottenburger Domkirche gelauscht werden.

Innerhalb von dreißig Minuten konnten sechs verschiedene Geläute erlebt werden.
Mit einem Glockenspiel beginnend, über den Westminsterschlag der zur Kapitelsmesse geläutet wird, hörte man das Barockgeläut aus dem Jahre 1649, das Vorläuten zum Pontifikalamt, das älteste „Zimbelgeläut“ und am Ende das Plenum-Geläut.

Die Einmaligkeit dieses Ereignisses bestand nicht nur darin, dass verschiedene Geläute unmittelbar verglichen werden konnten, sondern weil auch die historische „Exponate“ zum Einsatz kamen, was aus Gründen der Materialschonung, nur noch zur Anlässen von besonderer Wichtigkeit geschieht.

Die Anregungen für ein differenziertes Glockenläuten aus der Hand vom Prof. Dr. Schnieders, können als PDF-Format unter "Mesnerdienst"/ "Praktische Tipps" von dieser Seite heruntergeladen werden.